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Euro in der Krise

Die Anleihen-Blase droht zu platzen

Liebe Leserin, lieber Leser,

Auf den ersten Blick scheint es, als habe sich nun endgültig die Irrationalität der Märkte bemächtigt. Sogar Finnland, die Niederlande und Österreich - also einige der wenigen noch relativ stabilen Länder in der Euro-Zone - sollen Aufschläge für Staatsanleihen zahlen. In Italien war der „Monti-Effekt“ schnell verpufft und die Renditen für zehnjährige Italo-Bonds stiegen wieder auf mehr als sieben Prozent. Und auch der Regierungswechsel in Spanien wird zumindest kurz- bis mittelfristig zu keiner Beruhigung führen.

Mehr denn je stehen Italien und Spanien im Fokus. Dass innerhalb von rund einer Woche im Mittelmeerraum gleich drei Regierungen scheiterten, hat an den misstrauischen Märkten ebenfalls ambivalente Gefühle ausgelöst. Auf der einen Seite besteht die Hoffnung, dass die neuen Regierungen konsequenter als ihre Vorgänger die Sanierungsmaßnahmen umsetzen. Andererseits könnte genau dies zu einer Eskalation der politischen und sozialen Unruhen beitragen – mit dem Resultat einer sich weiter verschärfenden Rezession in den Krisenstaaten der Euro-Zone.

Die europäische Schuldenkrise, so scheint es, war nur der Auslöser für die Hyper-Nervosität an den Märkten. Längst geht es nicht mehr um die Frage, ob Griechenland in die Insolvenz entlassen wird und in welchem Umfang private Gläubiger auf ihre Forderungen verzichten müssen. Vielmehr grassiert die Angst vor einem Platzen der gigantischen Schuldenblase, die in den vergangenen Jahren entstanden ist. Nicht nur Europa, die ganze Welt sitzt auf einem Pulverfass, dessen Brisanz lange Zeit entweder unterschätzt oder verdrängt wurde.

Berge aus Schulden und Papiergeld

Die Zahlen sprechen für sich: Ende der 1980er Jahre zirkulierten Staatsanleihen, Bankschuldverschreibungen und Unternehmensanleihen im Wert von rund 15 Billionen US-Dollar, also 15.000 Milliarden Dollar, rund um den Globus. Anfang 2011 hatte sich dieser Schuldenberg auf fast 98 Billionen (!) Dollar erhöht. Staaten, Banken und Unternehmen haben sich geradezu hemmungslos verschuldet. Parallel dazu stieg die Menge des im Umlauf befindlichen Papiergeldes. Sie hat sich in den 34 Mitgliedstaaten der OECD von 1980 bis Mitte 2011 verachtzehnfacht. Im selben Zeitraum versechsfachte sich die Wirtschaftsleistung dieser Länder lediglich.

Um die in Anleihen aufgelaufenen globalen Schulden zurückzuzahlen, wäre der Gegenwert aller Waren und Dienstleistungen erforderlich, die in mehr als eineinhalb Jahren rund um den Globus erbracht beziehungsweise hergestellt werden. Ein weiterer Vergleich: Würde man alles Silber dieser Welt verkaufen, reichte der Ertrag gerade einmal aus, um 1,79 Prozent der in Bonds dargestellten Schulden zu tilgen.

Wie konnte eine solche gigantische Anleihenblase entstehen, die nun die gesamte Weltwirtschaft erschüttert? Neben der Unersättlichkeit der Staaten (Regierungen haben nie genug Geld, egal, wie üppig die Steuerquellen sprudeln und wie stark die Konjunktur brummt) wurde die Schuldenorgie durch zwei Fehleinschätzungen befeuert: Großbanken und Industriekonzerne gelten bis heute als „too big to fail“. Sie dürfen nicht scheitern, weil die wirtschaftlichen Folgen desaströs wären. Und Staaten – zumal solche in der Euro-Zone – durften ebenfalls nicht Pleite gehen. Das war jahrelang die Überlegung. Banken und Versicherungen kassierten zwar gern die Aufschläge zum Beispiel für griechische Staatsanleihen, doch das Ausfallrisiko schien allenfalls theoretisch zu bestehen. Geriete ein Euro-Land in eine Schieflage, würden die anderen im eigenen Interesse schon zu Hilfe eilen. Dieses Kalkül schien zunächst aufzugehen. Als das gesamte Ausmaß der griechischen Schuldentragödie offenkundig wurde, schnürten die anderen Euro-Staaten hastig die ersten Rettungspakete. Allerdings war Griechenland nur der erste Dominostein.

Seit der Pleite von Lehman Brothers kann niemand mehr auf die Unsinkbarkeit von Großbanken setzen. Und die absehbare Insolvenz von Griechenland hat all jene eines Schlechteren belehrt, die glaubten, ein Euro-Land könne einfach nicht Pleite gehen. Plötzlich erkannten die Märkte die wahren Risiken, die nicht nur theoretisch, sondern ganz real bestehen.

Das Schuldenkarussell in voller Fahrt

Das gefährliche Schuldenkarussell kommt immer schneller in Fahrt. Immobilienblasen platzen, die waghalsigen Kreditengagements der Banken brechen zusammen, Großbanken sind auf staatliche Hilfen angewiesen, dadurch und aufgrund eigener Fehler geraten Staaten an den Rand der Zahlungsunfähigkeit, Banken müssen auf große Teile ihrer Forderungen verzichten und stehen nun ihrerseits wieder vor dem Kollaps. Und die Summen werden immer gigantischer: Als im Jahr 1974 die Kölner Herstatt-Bank Pleite ging – der bis dahin spektakulärste Crash in der deutschen Finanzbranche seit dem Zweiten Weltkrieg – machten die Verluste eine halbe Milliarde D-Mark, also etwa 250 Millionen Euro, aus. Zur Rettung der französisch-belgischen Dexia-Bank hingegen sind Finanzierungsgarantien von Belgien, Frankreich und Luxemburg in Höhe von mehr als 90 Milliarden Euro erforderlich!

Vor diesem Hintergrund klingen die Beschwichtigungsversuche von Politikern und führenden Wirtschaftsvertretern wenig überzeugend. Tatsächlich wachsen die Zweifel, ob die Schuldenmisere überhaupt noch beherrschbar ist – oder ob letztlich alles auf einen gigantischen Schuldenschnitt hinausläuft. In diesem Fall müssten sich auch private Anleger warm anziehen.

Dennoch: Genießen Sie den Advent

Ihr Michael Brückner

 
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