Freitag, 03. September 2010
Geschrieben von: Kurt Moritz   

Silber: Das „Gold des kleinen Mannes“ wird immer beliebter

Silberbarren

Wer in diesen Wochen bei einem angesehenen mittelständischen Hersteller von exklusiven Schreibgeräten einen Füllfederhalter oder Kugelschreiber aus 925er Sterling-Silber orderte, musste vor allem eines aufbringen: ziemlich viel Geduld. Denn das weiße Edelmetall, oft etwas überheblich als „Gold des kleinen Mannes“ bezeichnet, war aufgrund steigender Nachfrage sehr knapp.

Das spürten nicht nur die Münz- und Barrenhändler, sondern gleichermaßen Ateliers und Manufakturen, die Schmuck und andere Accessoires aus Silber produzieren. Die hohe Staatsverschuldung in Europa sowie die Furcht vor Inflation trieben in den vergangenen Jahren neben dem Gold- auch den Silberpreis in die Höhe.

Angehörige der mittleren oder älteren Generation erinnern sich vielleicht noch ein wenig wehmütig an die Zeit von 1949 bis 1976. Damals war eine Fünf-DM-Münze in Umlauf, die zu einem großen Teil aus Silber bestand. Sic transit gloria mundi! Heute müssen wir uns mit einem läppischen Fünf-Euro-Scheinchen zufrieden geben. Dabei beweist ein Blick in die Bibel, dass Silber als Zahlungsmittel schon damals anscheinend höchst begehrt war. Immerhin wurde der Verrat des Judas mit Silberlingen bezahlt.

Heute wäre es vermutlich gar nicht mehr möglich, Silbermünzen in großem Umfang in den Zahlungskreislauf zu geben, denn Experten schätzen, dass die sogenannte Reservenreichweite dieses Edelmetalls noch kürzer ist als jene des Goldes. In etwa 15 Jahren könnte Silber somit noch knapper werden. Zum Vergleich: Die Reichweite bei Platinmetallen liegt bei fast 180 Jahren. Sogar Rohöl wird es wohl in gut 40 Jahren noch in ausreichenden Mengen geben. Ein Grund, in Silber zu investieren, ist mithin die Endlichkeit dieses Edelmetalls. Dagegen spricht, dass Sie – sofern Sie den physischen Besitz von Silber vorziehen – ausreichende Lagerkapazitäten vorhalten müssen. Um zum Beispiel 15.000 Euro in Silber anzulegen, mussten Sie im Sommer 2010 rund 30 Kilogramm dieses Edelmetalls kaufen.

Dennoch gehörte Silber in den vergangenen Jahren zu den Anlagefavoriten. Zwischen Januar und Dezember 2009 legte der Silberpreis um sage und schreibe 50 Prozent zu. Im Vergleich dazu nimmt sich der Anstieg des Goldpreises im selben Zeitraum um 22 Prozent auf Euro-Basis fast schon bescheiden aus. Im ersten Quartal 2010 kam es zwar zu einer vorübergehenden Korrektur, danach stieg der Silberpreis aber unter Schwankungen wieder an.

Der Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Milton Friedman lag, so scheint es, durchaus richtig mit seiner Feststellung: „Das wichtigste monetäre Metall der Geschichte ist Silber, nicht Gold“. Und der angesehene Investor David Morgan, der seit mehr als drei Jahrzehnten den Edelmetallmarkt mit Argusaugen verfolgt, sagt bei einer anhaltenden Instabilität auf den Finanzmärkten einen Anstieg des Silberpreises um „mehrere hundert Prozent“ voraus.

Nichts für schwache Nerven

Tatsache ist aber auch: Der Silberpreis zeigte sich in der Vergangenheit sehr viel volatiler als der Goldpreis. Das heißt, es kommt öfter mal zu kräftigen Ausschlägen nach oben und unten. „Gold wird gehortet, Silber wird verbraucht“, heißt es. Und genau dies ist Fluch und Segen zugleich. Denn der Silberpreis hängt in starkem Maße von der weltweiten Konjunkturentwicklung ab. Zwar nicht ganz so stark wie Platin oder Palladium, auf die wir gleich noch näher eingehen wollen. Konjunktursensitiv ist Silber indes allemal. Droht eine Rezession, sinkt die industrielle Nachfrage nach diesem Edelmetall. Früher spielte Silber zum Beispiel in der Fotografie eine wichtige Rolle. Seit dem Siegeszug der Digitalkameras, die keine Filme mehr brauchen, ist der Silberbedarf dieser Branche deutlich gesunken. Dafür besteht in anderen, zukunftsträchtigen Bereichen eine stabile oder sogar zunehmende Nachfrage nach Silber. Grund hierfür sind die besonderen Eigenschaften dieses Edelmetalls, das sich unter anderem durch eine hohe elektrische Leitfähigkeit und optische Reflexionstätigkeit auszeichnet. So wird Silber etwa bei der Produktion von Wasseraufbereitungsanlagen, Kühlschränken, Musikinstrumenten und Solaranlagen verwendet. Auch für die Herstellung von Batterien und Brennstoffzellen wird Silber benötigt. In einer im Jahr 2009 vom Fraunhofer Institut und dem Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung veröffentlichten Studie heißt es, Silber-Zink-Akkumulatoren könnten möglicherweise schon bald eine Konkurrenz für Lithium-Akkumulatoren sein, da sie bis zu 40 Prozent mehr Energie speicherten.

Silbermünzen

Mittel- bis längerfristig dürfte darüber hinaus die weltweit steigende Produktion von RFID-Chips („Radio Frequency Identification“) die Silber-Nachfrage stärken. Diese Chips erlauben die Identifizierung von Personen oder Waren mithilfe elektromagnetischer Wellen. Die auf diesem Winzling gespeicherten Daten werden von speziellen Geräten ausgelesen. Die Datenerfassung erfolgt somit drahtlos. Nicht nur die neue Generation der Pässe wird mit diesen Chips ausgestattet, sondern gleichermaßen die Ware im Supermarkt. Schlangestehen an den Kassen gehört somit bald der Vergangenheit an, denn die Lesegeräte registrieren blitzschnell die Preise der im Einkaufswagen befindlichen Waren. Für die Produktion dieser RFID-Chips braucht man Silber – zwar nur in sehr geringen Mengen, doch die Masse der in den kommenden Jahren herzustellenden Chips sorgt für einen beachtlichen Bedarf an diesem Edelmetall.

Silber-Investment in unruhigen Zeiten

Nicht zu vergessen schließlich die Nachfrage der Investoren. So werden pro Jahr knapp 300 Tonnen Silber zu Münzen verarbeitet. Zugegeben, eine sehr geringe Menge im Vergleich zu den über 25.000 Tonnen Silber, die von der Industrie verbraucht werden. Allerdings muss man auch die Nachfrage der auf Silber ausgerichteten Exchange Traded Funds (ETFs) dem Investmentsegment zurechnen. Die Manager dieser börsennotierten Fonds griffen in den vergangenen Jahren kräftig zu und kauften mehrere tausend Tonnen Silber.

Lohnt sich also ein Silber-Investment gerade in unruhigen Zeiten? Wer sich für dieses Edelmetall entscheidet, sollte die erwähnte hohe Volatilität (Schwankungsintensität) des Silberpreises bedenken. Immerhin: Im Jahr 1980 war der Silberpreis nach einer gigantischen Spekulationswelle kaufkraftbereinigt auf 36,40 Dollar pro Unze gestiegen. Als zur Jahrtausendwende die Börsen haussierten und sich immer mehr Kleinanleger auf Aktien stürzten, war die Unze Silber zeitweise für wenig mehr als vier Euro zu haben. Der tiefste Preis der vergangenen Jahren wurde am 5. Januar 2001 mit 3,97 US-Dollar erreicht.

Anleger, die sich für Silberbarren oder –münzen entscheiden, sollten die Merkwürdigkeiten des deutschen Steuersystems bedenken. Dazu gehört, dass für Silbermünzen, die Anlagezwecken dienen, nur sieben Prozent Mehrwertsteuer gezahlt werden müssen, für Barren aber 19 Prozent. Das ist der Grund, weshalb am Markt überdimensionierte Silbermünzen angeboten werden (zum Beispiel Ein-Kilo-Münzen!).

Silber-Münzen im Überblick

Fast alle in Gold erhältlichen Anlagemünzen gibt es auch in Silber. Lediglich den Krügerrand bekommen Sie ausschließlich als Goldmünze. Noch relativ neu am Markt ist die Philharmoniker-Münze in Silber von der Münze Österreich AG. Dabei handelt es sich um die erste Silber-Anlagemünze mit Euro-Nennwert. Eine der bekanntesten und wohl auch schönsten Anlagemünzen in Silber ist sicher der australische Kookaburra. Ihren Namen verdankt diese Münze dem Kookaburra-Vogel, der die eine Seite der Münze ziert. Auf der anderen Seite befindet sich ein Porträt der englischen Königin Elisabeth II. Die Kookaburra-Silbermünze gibt es ab einer Unze bis zu einem Kilogramm. Gleiches gilt für die ebenfalls aus Australien stammenden Koala-Münzen. Ebenfalls bis zu einem Gewicht von einem Kilogramm sind die bei Sammlern sehr begehrten australischen Lunare erhältlich. Den kanadischen Maple Leaf, die Britannia-Münze und den American Eagle erhalten Sie gleichfalls in Silber. Wer es ein wenig exotischer mag, entscheidet sich für die mexikanische „Libertad“- oder die chinesische Panda-Münze, von denen es Ein-Kilo-Varianten gibt.

Wie bereits erwähnt, empfiehlt es sich normalerweise nicht, in Silber-Barren zu investieren, weil Sie in diesem Fall eine wesentlich höhere Mehrwertsteuer (19 Prozent) zahlen müssten. Doch keine Regel ohne Ausnahme. Wenn Sie Barren vorziehen, kaufen Sie einfach Münzbarren, mit denen man das deutsche Steuersystem ad absurdum führen kann. Dabei handelt es sich um normale Kilo-Barren, denen aber ein Nennwert eingeprägt wird. Dann werden aus Barren unversehens Münzbarren – und Sie zahlen nur sieben Prozent Mehrwertsteuer. Der Cook-Islands-Münzbarren trägt den Nennwert von 30 Cook Islands Dollar. Nun mögen nur in der Geographie besonders bewanderte Zeitgenossen sofort wissen, wo diese Inselgruppe zu suchen ist (allen anderen sei es an dieser Stelle verraten: die Cook Islands liegen in der Südpazifik). Geprägt werden diese Münzbarren indessen ganz in unserer Nähe – von der Firma Heimerle + Meule in Pforzheim.

Bilder: proaurum/privat

 
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