Mit Nobeltickern Geld verdienen
Spitzenuhren aus der Schweiz und Glashütte bringen langfristig interessante Renditen
Der Börse trauen viele Anleger nicht mehr so recht über den Weg: Zwei Abstürze mit einer gigantischen Kapitalvernichtung in nur sieben Jahren – das zehrt am Vermögen und an den Nerven.
Spareinlagen wiederum bringen nur Mini-Zinsen, an denen der Staat über die Abgeltungsteuer noch beteiligt werden will.
Auch der Goldpreis entwickelte sich in den vergangenen Wochen nicht zur Freude der Anleger. Da suchen manche nach Alternativen. In der letzten Ausgabe berichteten wir über Wein-Investments. Dieses Mal geht es um eine tickende Depotbeimischung: Edle Uhren als Kapitalanlage.
Der ältere Herr aus Ungarn zog eine alte Patek Philippe-Armbanduhr aus seinem edlen Lederköfferchen und zeigte sie stolz dem Auktionator. Er habe keinen rechten Bezug zu solchen Preziosen und möchte das gute Stück bestmöglich verkaufen, um seinem Sohn beim geplanten Erwerb des Eigenheims finanziell unter die Arme greifen zu können. Der Auktionator nahm den goldenen Zeitmesser genau unter die Uhrmacherlupe, schlug in schlauen Büchern nach – und machte seinem Besucher aus dem Land der Magyaren ein Angebot, das dieser nicht ablehnen konnte: „Ein seltenes Stück. Ich biete die Uhr gern in meiner nächsten Auktion an. Mindestpreis – 50.000 Euro“. Der Ungar ist erstaunt, er hatte allenfalls mit 20.000 Euro gerechnet. Doch der Geldsegen sollte noch sehr viel reicher ausfallen. Während der Auktion lieferten sich mehrere solvente Patek Philippe-Freunde ein regelrechtes Bietergefecht – und trieben den Preis in atemberaubende Höhen. Der Hammer des Auktionators fiel erst bei sage und schreibe 1,2 Millionen Euro.
Uhren als Kapitalanlage? Wer die richtigen Marken und Modelle besitzt, hat durchaus Chancen, ordentlich Geld zu verdienen. Und noch dazu garantiert frei von der Abgeltungsteuer. Tatsächlich hat keine Schweizer Markenuhr jemals in so kurzer Zeit so viel an Wert verloren wie manche Bankaktie in den vergangenen Monaten.
„Eine Uhr ist ein praktisches Instrument, was man von einem Aktienpaket oder einer fremdvermieteten Eigentumswohnung nicht behaupten kann, Außerdem kann man mit einer Armbanduhr am Handgelenk leichter unbehelligt eine Grenzkontrolle passieren als mit einem Ölgemälde im Gepäck“, sagt Osvaldo Patrizzi, Gründer und früherer Chef des Uhrenauktionshauses Antiquorum, der mittlerweile ein neues Unternehmen aus der Taufe gehoben hat und Edel-Uhren versteigert.
Nur jede fünfte Uhr hat
Wertsteigerungspotenzial
Klar, als Auktionator muss er so reden. Dass rund 80 Prozent aller teuren Armbanduhren kein Wertsteigerungspotenzial bergen, dürfte vermutlich kein Verkäufer seinem Kunden erzählen. Aber da bleibt eben der Rest von 20 Prozent – und der hat es in sich. Beispiele für atemberaubende Wertsteigerungen bei Armbanduhren gibt es zuhauf. Die Platin-Uhr mit Ewigem Kalender und Minutenrepetition – ebenfalls von Patek Philippe - kostete in den 1980er Jahren rund 185.000 Schweizer Franken, das sind etwa 122.000 Euro. Schon 15 Jahre später wurde sie von Antiquorum für umgerechnet 1,3 Millionen Euro versteigert. Das entspricht einer jährlichen Rendite von durchschnittlich 17 Prozent.
Geradezu legendär ist die Preissteigerung der Rolex Daytona mit Handaufzug, die Ende der 1980er Jahre etwa 1500 D-Mark kostete und damals als Ladenhüter galt. Modelle mit dem begehrten Paul Newman-Zifferblatt bringen heute bis zu 50.000 Euro. Und für das Rolex Sondermodell „Comex Sea Dweller“ zahlen solvente Rolex-Sammler teilweise sogar sechsstellige Summen. Gleiches gilt für die A. Lange & Söhne Tourbillon „Pour le Mérite“. Sogar vergleichsweise preiswertere Uhren wie die „Monaco Steve McQueen“ von TAG Heuer haben ihren Wert in wenigen Jahren fast vervierfacht.
Imponierende Renditen, von denen börsengeplagte Anleger nur träumen können. Doch auch der Uhrenmarkt ist unberechenbar und unterliegt – wie die Kunst – schwer vorhersagbaren modischen Zyklen. Das Beispiel der Rolex Daytona zeigt, dass es vom Ladenhüter bis zum Superstar oft nur eine Frage der Zeit und der sich wandelnden Vorlieben der Sammler ist. Hinzu kommen natürlich die konjunkturellen Unwägbarkeiten. Noch erfreuen sich die Nobelticker in Russland und den wachstumsstarken Staaten Asiens einer stabilen Nachfrage, die Krisensymptome in den USA und Europa ausgleicht. Auf der Uhrenmesse „Baselworld“ im vergangenen Frühjahr machten viele Teilnehmer eine Feststellung, die nicht wirklich überraschen konnte: Es wurde nie soviel Russisch gesprochen.
Auch die Händler verzeichnen anhaltend gute Geschäfte mit asiatischen Kunden: „Früher haben die Japaner bei Schweizer Uhren kräftig zugegriffen, heute kommt die Nachfrage aus China und Thailand“, berichtet der Liechtensteiner Juwelier Norman J. Huber, der sich frühzeitig auf diesen Trend einstellte und jetzt die Gäste aus Fernost in seine Geschäfte im kleinen, aber feinen Vaduz lockt. Für Huber liegt der Wert einer Uhr in ihrer Faszination der Mechanik. „Ebenso wichtig ist aber die Emotionalität, die sich mit einer Uhr verbindet“.
Von Krise in Sicht: Uhrmacher
werden weltweit gesucht
Trotz aller Unwägbarkeiten gibt es – ähnlich wie bei Aktien – durchaus „Fundamentaldaten“, die über die Werthaltigkeit oder sogar über das Wertsteigerungspotenzial einer Nobeluhr entscheiden. An erster Stelle steht die Magie der Marke. „Am wertstabilsten sind in der Regel Uhren der Marken Rolex und Patek Philippe“, weiß Stefan Muser, Inhaber des Mannheimer Auktionshauses Dr. Crott. Die Produkte dieser beiden Manufakturen könnten unterschiedlicher kaum sein: Hier die hochfeinen Patek-Ticker mit einer Vielzahl von Komplikationen, die nur in geringen Stückzahlen auf den Markt kommen. Dort die robusten Rolex-Uhren, die in großen Mengen produziert werden, deren Markenname aber weltweit synonym für teure Zeitmesser steht. Traditionell gilt das Genfer Unternehmen als äußerst verschwiegen. In der Branche wird jedoch gemunkelt, Rolex suche weltweit rund 2000 Uhrmacher. Da kann von Krise wohl keine Rede sein.
Potenzial wird ferner der in ihrem Ursprung italienischen Kultmarke Panerai zugebilligt, die weltweit über ungemein aktive Fanclubs verfügt. Aus dem Haus der sächsischen Manufaktur A. Lange & Söhne sind unter Anlageaspekten vor allem die alten, komplizierten und aufwändig dekorierten Taschenuhren interessant, gleichwohl könnten sich in erster Linie die Design-Klassiker unter den Armbanduhren, wie zum Beispiel die „Lange 1“, längerfristig als wertstabil erweisen. Die feinen Uhren aus der Manufaktur Vacheron Constantin lassen zwar Uhrensammler anerkennend mit der Zunge schnalzen, doch blieb die Wertsteigerung bei dieser Marke meist hinter der vergleichbarer Modelle von Patek zurück. Genau dies könnte Vacheron Constantin als „Underperformer“ langfristig interessant machen, ebenso wie Uhren von IWC.
Einen weiteren wichtigen Werttreiber stellen eigene Manufakturwerke dar, die in die Gehäuse eingeschalt werden. Uhren mit Werken von der Stange sind als Kapitalanlage wenig geeignet. Schließlich sollte der Anleger auf die uhrmacherischen Raffinessen des Zeitmessers achten. Bei diesen Komplikationen, wie sie im Fachjargon genannt werden, handelt es sich um Zusatzfunktionen, über deren praktischen Wert sich zwar trefflich streiten lässt, die aber aus Uhrwerken kleine mechanische Meisterwerke machen. Die begehrteste Komplikation ist nach wie vor der Chronograph, also die Stoppuhrfunktion, erkennbar an den beiden Drückern am Uhrengehäuse - über und unter der Krone.
Noch größere Herausforderungen an die uhrmacherischen Talente stellt der Schleppzeiger- oder Doppelzeiger-Chronograph, häufig „Rattrapante“ genannt. Bei solchen Uhren starten auf Knopfdruck zwei Chronographen-Anzeiger, von dem einer gestoppt werden kann, während der andere weiterläuft. Dadurch lassen sich Zwischenzeiten ablesen.
Es liegt auf der Hand: Je schwieriger die Komplikation, desto wertvoller die Uhr. „Ewige Kalender“, Armbanduhren mit Mondphase und Schlagwerk (Repetitionsuhren) und natürlich Uhren mit dem filigranen Tourbillon erreichen schnell Preise im fünf- und sechsstelligen Bereich. Und das, obgleich zum Beispiel das Tourbillon kaum eine praktische Bedeutung hat. Der kleine Käfig im Werk wurde eigentlich zur Erhöhung der Ganggenauigkeit von Taschenuhren entwickelt. In Armbanduhren bleibt er immerhin ein Augenschmaus.
Bei älteren Zeitmessern, den sogenannten Vintage-Uhren, entscheiden zusätzlich der Erhaltungszustand und im Idealfall eine lückenlose Dokumentation der regelmäßigen Wartungen über den Preis. Wer auf eine optimale Wertsteigerung seines Zeitmessers spekuliert, muss schließlich ebenso standfest bleiben wie ein Weinsammler, der sich nicht am Inhalt seiner Flaschen delektieren darf. „Für eine bestmögliche Wertentwicklung sollte eine Uhr nie getragen werden“, rät Auktionator Stefan Muser. Schon minimalste Tragespuren können nämlich den Wert um bis zu 40 Prozent drücken.
Bilder: Brückner/Dr. Crott
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