| Geschrieben von: Kurt Moritz | |
Top-Weine trotzen der KriseLiv-Ex 100 erzielt neues Allzeit-Hoch
Der Kater währte nicht lange: Nach dem Absturz des Liv ex-100 als Folge der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise erholte sich dieser in London notierte Preisindex für Spitzenweine schon innerhalb von wenigen Monaten rasant und erzielte bereits im Frühjahr 2010 ein neues Allzeit-Hoch. Damit setzte der Liv ex-100 seine bemerkenswerte Performance fort: Seit 2005 ging es – von dem vorübergehenden Einbruch in den Jahren 2008/2009 abgesehen – immer nur nach oben.
„Kann Wein denn tatsächlich eine alternative Form der Kapitalanlage sein, oder ist die Aussicht auf Wertsteigerung nicht eher so etwas wie ein Placebo für untherapierbare Sammler?“, fragte auf dem Höhepunkt der Finanzkrise ein Wirtschaftsjournalist einen anerkannten Experten. Der antwortete auf seine Weise: Noch nie – nicht einmal in schwierigsten Zeiten – habe zum Beispiel ein Chateau Pétrus, ein Mouton-Rothschild, ein Yquem oder ein Romanée-Conti soviel an Wert verloren wie der deutsche Aktienindex Dax allein im Jahr 2008. Das ist erstens zwar ein schwacher Trost für alle, die in Aktien investiert sind, und zweitens sicher auch nur die halbe Wahrheit. Denn natürlich gehen Rezessionen und Turbulenzen an den Börsen nicht spurlos am Weinmarkt vorbei. Wer etwa in den Jahren 2008 und 2009 sein Geschäft vor allem in den USA gemacht habe, sei besonders stark betroffen gewesen, berichten Wein-Auktionatoren rückblickend. Klarer Fall, in einer Krise muss sich mancher Sammler von seinen Schätzen trennen, um liquide zu bleiben. Gleichzeitig sitzt das Geld nicht mehr so locker, um extrem hohe Preise für eine Flasche Kultwein zu zahlen. Als Konsequenz steigt das Angebot, während die Nachfrage stagniert oder zurückgeht. Ausgesuchte Weine eignen sich dennoch durchaus als Kapitalanlage, wobei sie natürlich keine Alternative zu Aktien, Anleihen oder Festgeldkonten darstellen. Sie dienen vielmehr als Instrument zur Diversifizierung der Kapitalanlage. In dieser Hinsicht gleicht die Asset-Klasse „Wein“ eher dem Investment in Kunst als einer Wertpapieranlage. Und so wie sich in manchem gut strukturierten Portfolio zum Beispiel Antiquitäten, Uhren und Porzellan befinden, kann ein Teil des Geldes ohne weiteres in edle Tropfen investiert werden. Mehr als zehn Prozent des liquiden Vermögens sollten es freilich nicht sein. Denn davon können Anleger, die auf Aktien und Sparkonten setzen, nur träumen: Renditen von 300 Prozent und mehr erzielten ausgesuchte edle Rotweine französischer Provenienz in weniger als zehn Jahren. Solange die starke Nachfrage aus dem Fernen Osten anhält, dürften die Preise weiter steigen. Vorausgesetzt, der Investor entscheidet sich für Weine mit Wertsteigerungspotenzial. Dabei sollte er freilich weder auf seinen eigenen Riecher noch auf seinen individuellen Geschmack vertrauen. Denn letztlich gilt für Weine ein ähnliches Gesetz wie für Aktien: Man sollte niemals allein auf seine „Sweethearts“ setzen. Der Anleger mag ein Unternehmen oder ein Weingut noch so sympathisch finden, als Auswahlkriterium für eine Kapitalanlage taugen derlei Präferenzen kaum. Deshalb gilt: Wer in Wein investieren möchte, muss sich zunächst darüber im Klaren sein, ob es sich um eine reine Kapitalanlage handeln oder ob der Wein später getrunken werden soll. Je nachdem, mit welchem Ziel der genussvolle Anleger in Weine investieren möchte, können die Empfehlungen ganz unterschiedlich ausfallen. Schließlich muss der persönliche Lieblingswein nicht unbedingt ein Renditekracher sein. Wem die Rendite wichtiger ist als der persönliche Genuss, solle sich folglich nicht auf den eigenen Geschmack verlassen, sondern auf den von Robert Parker, dem ohne Frage einflussreichsten Weinkritiker der Welt und Herausgeber von „The Wine Advocate“ mit Sitz in Maryland (USA). Parkers Urteil bewegt die Märkte und entscheidet wesentlich über die Preisentwicklung. „Eine gerunzelte Nase von Robert Parker kann ausreichen, um einen Wein noch tiefer fallen zu lassen, als in die Bordeaux-Keller, in denen er getestet wird“, brachte es einmal das Wirtschaftsmagazin „Economist“ auf den Punkt. Parkers Punkte entscheiden über Aufstieg und Absturz
Parkers Bewertungssystem ist ausgesprochen simpel – und vielleicht deshalb international so sehr geschätzt. Er beurteilt die von ihm und seinen Mitarbeitern getesteten Weine mit Punkten. Die Skala reicht dabei von 50 („inakzeptabel“) bis 100 („außerordentlich“). Experten empfehlen Anlegern, niemals Weine mit weniger als 85 Punkten zu kaufen. Je weiter sich das Parker-Urteil der Top-Note 100 nähert, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass der betreffende Wein trotz seines schon hohen Preisniveaus in den kommenden Jahren deutlich zulegen wird. Und dann gibt es natürlich noch die Top-Gewächse, die sich mit 100 Parker-Punkten schmücken und zu den absoluten Blue-cips jedes Anlegerdepots gehören. Zum Beispiel die Bordeaux-Weine Latour á Pomerol aus dem Jahr 1961, Pétrus 1949, Cheval Blanc 1947 und Lafleur 1950. Das Hauptgeschäft auch im Investment-Segment machen zweifellos Weine aus dem Bordeaux. Doch sollte man die Burgunder nicht aus den Augen verlieren, von denen es deutlich weniger gibt, die aber hochinteressant erscheinen – man denke nur an die erste Adresse Romanée Conti. Wer in Weine investieren möchte und einen langen Anlagehorizont hat, sollte jedenfalls nicht auf Schnäppchenjagd gehen, sondern sich für die „Superstars“ entscheiden. Hierfür muss er dann aber einen hohen drei- oder gar vierstelligen Preis akzeptieren. Der Investor sollte zudem auf eine starke und wiedererkennbare Marke setzen. Dadurch lassen sich die Risiken minimieren. Denn: In guten Zeiten kaufen die Leute alles, in schlechteren Zeiten sind sie wählerische und kaufen nur perfekte Weine. Es gibt – wie erwähnt - Gewächse, die in den letzten sechs, sieben Jahren Wertsteigerungen von bis zu 300 Prozent erfahren haben. Mit einem 1959er Mouton Rothschild kann man bei korrekter Lagerung und sicherer Provenienz eigentlich Jahr für Jahr mit einer Wertsteigerung rechnen, sieht man von ausgesprochenen Krisenzeiten wie 2008 und 2009 einmal ab. Tatsächlich haben sogar die sogenannten Zweitweine von Lafite, die also nicht an der absoluten Spitze der Qualitätsskala stehen, um bis zu 300 Prozent zugelegt – zum Beispiel gesuchte Jahrgänge des Carruades de Lafite. Guter Wein ist nicht beliebig vermehrbarDie Party dürfte nach dem vorübergehenden Einbruch infolge der Finanzkrise weitergehen, denn gute Weine sind rar und die Nachfrage ist anhaltend hoch. Es gibt einen neuen, globalen Markt mit beachtlichem Wachstumspotenzial – insbesondere für Weine, die rar, aber dennoch trinkbar sind. Diese Nachfrage kommt in erster Linie aus den Wachstumsmärkten China und Indien, teilweise auch aus Russland. In den asiatischen Staaten gilt es zum Beispiel als Ausdruck hoher Wertschätzung, einem Freund oder Geschäftspartner eine Flasche Premier Grand Cru zu schenken. Gleichzeitig stellt der Schenkende damit seine eigene Kennerschaft unter Beweis. Der Hauptgrund für den starken Preisanstieg bei französischen Spitzenweinen war in den vergangenen Jahren ohne Frage die wachsende Zahl von chinesischen Millionären, die in Luxus investierten. Viele wohlhabende Menschen im Fernen Osten und in Russland wollen solche Weine in ihrer Sammlung haben oder sie trinken. Und jede Flasche Spitzenwein, die in Moskau oder Shanghai entkorkt wird, ist für Investoren eine wahre Freude, denn auf diese Weise verringert sich die Menge der begehrten Gewächse immer weiter. Doch längst nicht jeder Wein bringt die erhofften Renditen. Das hat weniger mit Qualität als vielmehr mit den Vorlieben der Kunden zu tun. Die Weinarten und Provenienzen unterliegen ebenso wie die Kunst und die Haute Couture modischen Zyklen. Spanischer Spitzenwein etwa scheint seit Jahren gleichsam megaout zu sein. Die Spanier haben ihre Top-Weine, zum Beispiel den Vega Sicilia Unico. Abgesehen von diesen absoluten Spitzen sind spanische Gewächse aber seit Jahren schwer zu verkaufen. Und wenn, dann selten zu wirklich guten Preisen. Es herrscht in dieser Hinsicht absolute Baisse. Die Italiener wiederum haben sich ihre langjährige Krise selbst eingebrockt. Sowohl die Weingüter in der Toskana als auch im Piemont erlagen in der Euphorie zur Jahrtausendwende der Versuchung, zu den Preisen von französischen Spitzenweinen aufzuschließen. Im Jahr 1995 hatte ein sehr guter Chianti Classico Reserva etwa 18 D-Mark gekostet. Fünf Jahre später wollten die Italiener 30 Euro ab Weingut. Das wollte der Markt nicht akzeptieren. Mittlerweile sind die Preise für edle Italiener gesunken – und damit auch für Investoren wieder interessant. Verhalten optimistisch zeigen sich Experten schließlich bei der Beurteilung deutscher Weine. Bis zum Ersten Weltkrieg war der deutsche Wein der teuerste der Welt. Dann kam der Absturz. Mittlerweile indessen sind wieder zahlreiche deutsche Weingüter mit hervorragenden Gewächsen auf dem Markt. Und der Kunde ist bereit, für hohe Qualität einen angemessenen Preis zu zahlen. Ganz gleich, ob man nun deutschen, italienischen oder französischen Wein ersteht, das Wertsteigerungspotenzial wächst nicht zuletzt mit der Größe der Flasche. Magnum (1,5 Liter), Doppel-Magnum (3 Liter) oder gar Impériale (6 Liter) erzielen höhere Wertzuwächse als die übliche Größe von 0,75 Litern. „Think big“ scheint somit auch für Weininvestoren eine empfehlenswerte Maxime zu sein. Zusammensetzung des „Wein-Dax“ Liv ex-100
|
| < Zurück |
|---|







